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Geschichte vom alten Kind

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783442726868
Sprache: Deutsch
Umfang: 128 S., 1 s/w Illustr.
Format (T/L/B): 1.2 x 18.7 x 11.7 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Ein Mädchen wird gefunden, nachts auf einer Straße, einen leeren Eimer hat es in der Hand. Es ist nicht schön noch häßlich, niemand kennt seinen Namen, niemand weiß, woher es kommt, niemand weiß, wer seine Eltern sind. Niemand, auch das Kind selbst nicht. Also wird es in ein Heim gesteckt und auf eine Schule geschickt. Eine verstörende Aura der Formlosigkeit umgibt dieses Geschöpf; jeder Versuch der Kontaktaufnahme prallt zurück wie ein Ball von der Wand. Nur ganz selten scheint es, als wisse das Kind mehr, als es preisgibt - doch wer versucht, sein Geheimnis zu durchschauen, hat das Gefühl, er blicke in einen blinden Spiegel.In ihrer ersten Veröffentlichung gelingt es Jenny Erpenbeck, der wundersamen Gestalt des alten Kindes eine ganz eigene Sprache zu geben. Eine Sprache, die auf faszinierend-verstörende Weise alles fasst: die Magie der Fremdheit, das Staunen über die Welt, das Geheimnis des Kindes. Mit ihrem hochgelobten Debüt hat sich Jenny Erpenbeck als eine der ganz großen Hoffnungen der jungen deutschen Literatur erwiesen.

Autorenportrait

Jenny Erpenbeck, geboren 1967 in Ost-Berlin, debütierte 1999 mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind«. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr Roman »Aller Tage Abend« wurde von Lesern und Kritik gleichermaßen gefeiert und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Independent Foreign Fiction Prize. Für »Gehen, ging, gegangen« erhielt sie u. a. den Thomas-Mann-Preis. 2017 gewann Jenny Erpenbeck den Premio Strega Europeo und wurde mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Leseprobe

Als man es gefunden hat, stand es des Nachts auf der Straße, mit einem leeren Eimer in der Hand, auf einer Geschäftsstraße, und hat nichts gesagt. Als die Polizei es dann mitgenommen hat, ist es von Amts wegen gefragt worden, wie es heiße, wo es wohne, die Eltern wer, das Alter welches. Vierzehn Jahre alt sei es, antwortete das Mädchen, aber seinen Namen wußte es nicht zu sagen, und auch nicht, wo es zu Haus war. Die Polizisten hatten anfangs Sie zu dem Mädchen gesagt, aber jetzt sagten sie Du. Sie sagten: Du mußt doch wissen, woher du gekommen bist, wo du vorher gewesen bist, bevor du dich hier auf die Straße gestellt hast mit deinem leeren Eimer. Das Mädchen konnte sich einfach nicht daran erinnern, es konnte sich an den Anfang nicht erinnern. Es war ganz und gar Waise, und alles, was es hatte und kannte, war der leere Eimer, den es in der Hand hielt, noch immer in der Hand hielt, während es von der Polizei befragt wurde. Einer der Polizisten versuchte, das Mädchen zu beleidigen und sagte: Alles im Eimer, was. Aber das Mädchen merkte gar nicht, daß es beleidigt hatte werden sollen, und antwortete einfach: Ja. Nachforschungen ergaben nichts. Zwar war das Mädchen in seiner ganzen Größe und Dicke vorhanden, was jedoch Herkunft und Geschichte anging, war es derart von Nichts umgeben, daß seiner Existenz von Anfang an etwas Unglaubliches anhaftete. Das Mädchen war übrig. Also nahm man ihm seinen Eimer weg, faßte es bei der fleischigen Hand und gab es im Kinderheim ab. Das Mädchen hat ein großes, fleckiges Gesicht, das aussieht wie ein Mond, auf dem Schatten liegen, es hat breite Schultern wie eine Schwimmerin, und von den Schultern abwärts ist es wie aus einem Stück gehauen, weder ist eine Erhebung dort, wo die Brüste sein müßten, noch eine Einbuchtung in Höhe der Taille. Die Beine sind kräftig, auch die Hände, und dennoch macht das Mädchen keinen überzeugenden Eindruck, das mag an seinem Haar liegen. Dieses Haar ist weder lang noch kurz, im Nacken ist es ausgefranst, und weder ist es braun, noch auch wirklich schwarz, es ist allenfalls so schwarz wie ein Fahnentuch, das zu lange in der Sonne gehangen hat und davon ganz ausgeblichen ist, manchmal erscheint es beinahe grau. Das Mädchen bewegt sich langsam, und wenn es sich einmal nicht langsam bewegt, erscheinen kleine Schweißtropfen auf dem Rücken seiner Nase. Das Mädchen weiß, daß es zu groß geraten ist, deshalb zieht es den Kopf ein. Es beugt seinen Leib, als müsse es auf diese Weise eine große Kraft zurückhalten, die in seinem Innern wütet. Das Kinderheim, in dem die Polizei das Mädchen abgegeben hat, ist das größte der Stadt. Es liegt im äußersten Bezirk dieser Stadt, dem Bezirk, der an den Wald grenzt, es besteht aus mehreren Gebäuden, die über ein weites und unübersichtliches Gelände verteilt sind. Da gibt es Wohngebäude, einen Kindergarten, eine Schule für die unteren und eine für die höheren Klassen, außerdem ein Küchenhaus, eine Sporthalle, einen Festsaal, einen betonierten Platz, ein Fußballfeld, und Schuppen, in denen verschiedene Werkstätten untergebracht sind - dort sollen die Schüler lernen, hart zu arbeiten, wie das Leben es von ihnen verlangen wird. Um all das ist ein Zaun gezogen, ein Zaun mit einem einzigen Tor, das von einem Pförtner beaufsichtigt wird, mit dem muß man sprechen, wenn man aus dem Heim hinaus oder ins Heim hinein will. Durch dieses Tor kommen am Wochenende die verwahrlosten oder wohlsituierten Eltern zu Besuch, weinende und nicht weinende Eltern, für manche Kinder allerdings kommen durch dieses Tor weder verwahrloste noch wohlsituierte, noch weinende, noch sonst irgendwelche Eltern. Durch dieses Tor kommen auch Fremde, die Eltern werden wollen, sie kommen, um Kinder zu beschauen, aber für manche Kinder kommen auch diese nicht. Es gibt Kinder, so unrein, so riesig oder rauh, daß sie nicht einmal abgewiesen werden müssen, man sieht sie gar nicht erst an, weil sie nicht durch das Sieb passen, das für die Auswahl gewebt ist. Sie sind da, abe Leseprobe

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